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Eine einfache Antwort gibt es nicht

Der Nationalismus ist zurück. Überall finden sich Erklärungen dafür, wer oder was Schuld daran sein könnte: Die Migration, die Globalisierung, die liberale Demokratie. Doch wer das Phänomen verstehen will, muss es erst einmal untersuchen.

Von Philipp Lemmerich

Dass der Nationalismus ein Comeback erlebt, daran gibt es keine Zweifel mehr. Wo Philosophen und Politiker noch vor wenigen Jahren ein „post-nationales Zeitalter“ kommen sahen, zeigt sich heute eine weltweite Front völkisch-nationaler Bewegungen. Wie konnte es dazu kommen? Seit den ersten Wahlerfolgen der AfD versuchen sich auch hierzulande zahlreiche Stimmen an einer Erklärung.

Ihre Antworten sind häufig einfach: Wer AfD wählt, sei von Diversität und „Political Correctness“ überfordert, komme im beschleunigten Kapitalismus nicht mehr mit, habe Angst durch die Digitalisierung seinen Job zu verlieren oder fühle sich von „der Politik“ nicht mehr vertreten. Solche Aussagen sprechen verschiedene Problemfelder an (Globalisierung, Migration, Partizipation), haben aber in erster Linie viele Gemeinsamkeiten: Sie sind wenig komplex. Sie verlieren regionale Spezifika aus dem Blick. Und sie sind selten empirisch belegt.

Der politische Erklärungsversuch

Eine jener weit verbreiteten Thesen für das Erstarken des Nationalismus schreibt die Verantwortung einem Versagen der liberalen Demokratie zu. Im Kern geht es um die Annahme, dass rechte und rechtspopulistische Bewegungen entlang der Bruchlinie zwischen kosmopolitischen und kommunitären Ansichten entstehen. Während ein migrationsfreundlicher Mainstream eine offene Gesellschaft auch gegen Widerstände zur Realität machen wolle, suchten Migrationsskeptiker nach Möglichkeiten für eine Rückkehr zu mehr Authentizität und politischer Selbstwirksamkeit.

Im Falle der AfD ist dies insofern interessant, als dass die deutsche politische Kultur noch vor wenigen Jahren als wenig anfällig gegenüber breiten rechten Strömungen galt. Zu abschreckend war es, in einer Linie mit den Holocaust-Tätern genannt zu werden. Doch spätestens seitdem die AfD als drittstärkste Kraft in den Bundestag eingezogen ist, scheint es mit dieser Art von Immunität nun vorbei zu sein.

Und so ist es tatsächlich das erklärte Ziel der AfD, den „neuen Nationalismus“ endgültig vom Nationalsozialismus zu entkoppeln und völkisches Denken zu rehabilitieren. Doch ist es wirklich dieser Zuspruch zu einer ethnischen Interpretation von Nation, der die AfD derart erstarken ließ? Eine unter dem Titel „Wie weltoffen ist Deutschland?“ unlängst veröffentliche Studie der Bertelsmann-Stiftung lässt daran Zweifel aufkommen. Die Nachfrage nach nationalkonservativen Positionen sei in den vergangenen Jahren stabil geblieben, so das Ergebnis, während die Wahlergebnisse der AfD immer weiter nach oben kletterten. Stimmen die Zahlen, dann müssen andere Faktoren für das Erstarken der Partei verantwortlich sein.

Der ökonomische Erklärungsversuch

Ein anderer Ansatz konzentriert sich stärker auf wirtschaftliche Kriterien. Im Kern seien es die Modernisierungsskeptiker und Globalisierungsverlierer, die die AfD wählten, so die These. Sie trügen die ökonomischen, technischen und kulturellen Umbrüche unserer Zeit schlichtweg nicht mehr mit.

Dass die Vorteile der Globalisierung an Teilen der Bevölkerung vorbeigehen und auch die rasante technische Entwicklung der letzten Jahre nicht nur Freunde gewonnen hat, daran besteht kein Zweifel. Doch die für solche Gruppen typischen Statuslagen (geringe Bildung, einfache berufliche Tätigkeiten, geringes Einkommensniveau) weisen keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit der Absicht auf, bei der nächsten Bundestagswahl das Kreuzchen bei der AfD zu setzen. Im Gegenteil: Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass eher Personen mit mittlerem und höherem Status AfD wählen. Die These vom „Modernisierungsverlierer“ ist ein Mythos.

Rückkehr zu den politisch Verlassenen

Eine aktuelle Studie des Berliner Think Tanks „Progressives Zentrum“ um den Politikberater Johannes Hillje hat diese Zweifel zum Anlass genommen, mit jenen Menschen ins Gespräch zu kommen, über die die öffentliche Debatte oft spricht, die aber nur selten selbst das Wort ergreifen. Nach 500 Haustürgesprächen in strukturschwachen Regionen in Deutschland und Frankreich kam das Forscherteam zu dem Ergebnis: Kritik an Migration und die Unterstützung von Rechtspopulisten sind Antworten auf ein Gefühl der politischen Benachteiligung.

Im Vordergrund stünden demnach soziale und infrastrukturelle Mängel, etwa durch fehlende Ärzte, marode Schulen oder einen unzureichenden öffentlichen Nahverkehr. Die Politiker, die sich eigentlich um die Beseitigung solcher Missstände kümmern sollten, seien egoistisch, zu weit weg von den Menschen und ohnehin dem Einfluss von Lobbygruppen unterworfen.

Der Zuzug von Migrantengruppen wurde von den Befragten nur selten ethnisch oder kulturell problematisiert, Begriffe wie „Überfremdung“ tauchen kaum auf. Stattdessen werden eher ökonomische „Bauchschmerzen“ vorgebracht: ‚Wenn viel Geld für Flüchtlinge ausgegeben wird, bleibt am Ende keines mehr für uns’, so der Tenor. Hinzu kommt, dass die Befragten auch systematisch zwischen der eigenen Lebenswelt und dem Rest des Landes unterschieden: Migration sei zwar gegenwärtig das größte Problem für Deutschland, habe aber für den eigenen Alltag keine Konsequenzen.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass ein Großteil der „Flüchtlingskrise“ nicht am eigenen Leib erlebt wird, sondern medial induziert ist. Dieser Befund trifft freilich nur auf jene strukturschwachen Regionen zu, in denen die Forscher aktiv waren. Dass die AfD auch in strukturstarken Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg erfolgreich ist, kann Hilljes Studie nicht erklären.

Sonderfall Ostdeutschland

Auch in Ostdeutschland fruchten einfache Erklärungen nicht. Nationalistische Einstellungen sind hier seit Jahren überdurchschnittlich weit verbreitet – trotz wachsender Wirtschaft, guter Arbeitsmarktzahlen und einem marginalen Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung. Spätestens seit dem Beginn der Pegida-Demonstrationen im Oktober 2014 wird in der bundesdeutschen Öffentlichkeit regelmäßig über den ‚Sonderfall Ostdeutschland’ debattiert.

Warum ist Nationalismus im Osten auf dem Vormarsch? Frank Richter, ehemals Vorsitzender der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, konstatiert in seiner aktuellen Streitschrift „Hört endlich zu!“ einen „immensen Problem- und Gefühlsstau“ bei der Bevölkerung. Nach der patriotischen Leistung der Friedlichen Revolution seien die Bürger Ostdeutschlands massiv durch den Westen enttäuscht worden. Anstatt ihre Anliegen ernst zu nehmen, reagierten Politiker mit Abfälligkeit und Arroganz. Nationalismus sei in diesem Sinne eine Art Notlösung, da weder Sozialismus noch Kapitalismus die Artikulation der eigenen Interessen sicherstellen.

Richters Einschätzung trifft einen wunden Punkt. Studien wie der jährlich erhobene „Thüringen Monitor“ sehen in Ostdeutschland einen starken Zusammenhang zwischen dem Gefühl mit dem Westen noch immer nicht auf einer Augenhöhe zu sein und rechten Einstellungen. Dabei geht die Enttäuschung über das westliche Politik- und Wirtschaftssystem einher mit der gefühlten Abwertung der eigenen DDR-Vergangenheit, der in der Gegenwartsgesellschaft kein Stellenwert eingeräumt wird. Während der „Wessi“ als Lehrmeister auftrat und auftritt, fühlt sich der „Ossi“ als ewiger Verlierer. In einem solchen Kontext, so die Ethnologin Juliane Stückrad, sähen viele Ostdeutsche den Zuzug von Ausländern als ein erneute Bestätigung dafür, dass ihre Sorgen nicht erst genommen würden.

Verschiebung des Blickes

In diesem Licht wirken rechte Einstellungen eher wie ein Ausdruck von Befindlichkeiten als ein tatsächlicher Wiederaufschwung eines völkischen Nationalismus. Das verringert zwar nicht ihre politische Sprengkraft, verschiebt aber den Fokus von großen Erzählungen hin zu empirischen Tatsachen, von einer monolithischen politischen Bewegung hin zu vielschichtigen Logiken und Einflussfaktoren. Nationalismus ist zwar, wenn man so will, ein struktureller Bestandteil der deutschen politischen Kultur; er entsteht aber aus regional- und milieuspezifischen Erzählungen.

Dabei ist es müßig, immer wieder aufs Neue die Frage nach Wahlentscheidungen zu stellen. Warum Menschen die AfD wählen, kann schon deshalb nicht beantwortet werden, weil menschliche Entscheidungen nie auf monokausale Abhängigkeiten zurückzuführen sind. Fruchtbarer könnte es sein, einen Blick darauf zu werfen, wie Menschen Vorstellungen von der Nation in ihrem Alltag anwenden, welche Bevölkerungsgruppen sie dabei ausschließen und warum. So könnte eine Sensibilität dafür entstehen, dass Nationalismus nicht einfach so da ist. Stattdessen erfüllt er durch die Konstruktion eines Außen (Islam, Eliten, Kapitalismus) bei seinen Anhängern wichtige Funktionen zur Stabilisierung der eigenen Identität.

Und auch die irrationale Seite des Menschen sollte in den Blick rücken. Denn bei imaginierten Gemeinschaften wie der Nation spielen Gefühle eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wie die US-amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild in ihrem vielbesprochenen Buch „Fremd in ihrem Land“ zeigt, votieren Bürgerinnen und Bürger nicht selten offen gegen ihre eigenen Interessen – schlicht aus dem Grund, dass sie ihr geliebtes Vaterland in Gefahr sahen. Vielleicht basiert Nationalismus also am Ende gar nicht auf rationalen politischen Überzeugungen, sondern auf nicht anderweitig artikulierten, politisch aufgeladenen Emotionen. Entsprechend differenziert müssten Untersuchungen vorgehen, die sich des Phänomens annehmen.

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