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„PoliLab“ beim Tag der Sachsen in Torgau

Vom 07.-09. September fand der Tag der Sachsen in Torgau statt. Auch das Projekt „PoliLab“ war mit einem Stand vertreten. Eindrücke und Aufzeichnungen von Mario Futh

Am zweiten Tag des Tags der Sachsen bauten wir einen Informationsstand zu unserem BMBF-geförderten Projekt „Fremde im eigenen Land? (PoliLab)“ auf. Unser Ziel war es, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, wie sie die derzeitige Situation in Sachsen und Deutschland erleben. Nach zehn intensiven Stunden auf der sogenannten Vereinsmeile hatten wir viele spannende Gespräche mit den Besuchern an unserem Stand geführt.  

Jung und Alt hielten bei uns an, um zu erfahren, was es mit dieser „provokanten Frage“ auf sich habe (O-Ton eines Besuchers in Bezug auf unseren Projekttitel), oder um sich zu informieren, was wir erforschen möchten. Manche kamen auch einfach nur vorbei, um eine Stimme bei unserem „Murmel-Experiment“ abzugeben. So lautete unsere Frage an die Besucherinnen und Besucher des Tags der Sachsen: Als was fühlen Sie sich? Europäer/in, Deutsche/r, Sachse/Sächsin, Sorbe/Sorbin, Ostdeutsche/r oder etwas Anderes? Wir „nötigten“ die Besucherinnen und Besucher unseres Standes dazu, sich zu auf eine Antwort festzulegen, wohl wissend, dass viele mögliche Identitäten gleichzeitig existieren können.

265 Menschen nutzten die Möglichkeit ihre Stimme abzugeben, sodass es am Ende ganz knapp ausging: 71 stimmten für Deutsche/r, das mit nur vier Stimmen vor Sachse/Sächsin (67 Stimmen) triumphierte. Die Vertreter der Bundeswehr schauten zwar interessiert bis misstrauisch zu uns herüber, gingen jedoch ohne Beteiligung mehrmals an unserem Stand vorbei.  

Nicht nur dieses Ergebnis, sondern auch die vielen Geschichten oder Anekdoten der Menschen vor Ort deuten darauf hin, dass das Deutsche noch immer eine Bedeutung für die Menschen hat, auch wenn es für Jeden und Jede im Konkreten etwas Anderes ausmacht. So erfuhren wir u.a. die Lebensgeschichten einzelner Menschen oder ganzer Familien. Andere Personen berichten von Hoffnungen und Ängsten oder gar Verlusten seit der Wiedervereinigung. Aber auch Positives oder Aufmunterungen, dass es gut oder gar wichtig sei, sich dem Thema wissenschaftlich anzunehmen, wurde uns mit auf den Weg gegeben. Für all die viele Beteiligung, den Anregungen und der Kritik möchten wir auf diesem Weg Danke sagen! 

Selbst der amtierende Ministerpräsident Michael Kretschmer kam auf einen Kurzbesuch an unseren Stand vorbei. Für alle, die sich dafür interessieren, in welches Glas er seine Murmel legte: ins Glas der Sachsen!

Kurz-Auswertung

Was haben die Menschen in das Glas Etwas Anderes getan?

Die aufgeschriebenen Antworten lassen sich ganz grob in fünf „Kategorien“ zusammenfassen:

1. Positive, d.h. öffnende aber ablehnende Form eingrenzender Kategorien („Mensch“, „Lebewesen“, „Weltbürger“) = 15 

2. Negative Beschreibungen des eigenen Empfindens („Ausländer“, „Dreck“, „Fremder“, „Sklave“) = 6 

3. Regionale Zugehörigkeit („Vogtländerin (heimatverbunden)“, „Stralsunderin“, „Torgauerin“, „Oberlausitzer“) = 5 

4. Funktionale Zugehörigkeit („Mutter“) = 1 

5. Sonstiges („Linker nationalistischer Deutscher“) = 1 

Einige O-Töne vom PoliLab-Stand 

  • Eine Frau wirft eine Murmel in das Glas Deutscher/Deutsche und sagt: „Ich bin westdeutsch?“ 
  • Zwei ältere Damen (70-80 Jahre). Beide „seien“ Ostdeutsche. Sie bedauern, dass die Enkel in der Schule nicht die „ostdeutsche“ Geschichte im vollen Maße lernten. „Gesamtdeutschland vergisst seine Teilung. Obwohl so viele Menschen in diesem Land leben, die dies am eigenen Leib erfahren haben.“ 
  • Eine ältere Dame (81 Jahre): „Da brauche ich keinen Taschenrechner! In drei Generationen sind wir muslimisch. Das macht mir Angst.“ 
  • Zwei Männer: „Es gab mal eine schöne Zeit. Bis zum Euro, und dann ging es bergab.“ 
  • Mann (ca. 35 Jahre), kommentiert das leere Sorben-Behältnis: „Ich bin zwar gebürtiger Sorbe…“. Schmeißt daraufhin eine Murmel ins Glas Sachse/Sächsin. 
  • Ehepaar mittleren Alters: Beide skeptisch. Er fragt nach dem Mehrwert des Projekts. Steuermittel fließen in „solche sinnlosen Projekte.“ 
  • Älterer Herr: „Was ist denn heute noch deutsch? Was empfindet man heute denn noch als Deutsch? Ja, keine Ahnung.“ Gegenfrage: „Was war es früher für Sie?“ Älterer Herr: „Das halt alles geregelter war. Es gab unter Honecker mehr Ordnung. Der Staat, hat eben früher funktioniert. Wozu hat man denn einen Staat?“ 
  • Ältere Frau: „Vor 10 Jahren hätte ich noch ostdeutsch gewählt, aber mittlerweile möchte man doch angekommen sein.“ 
  • Mann (30-40 Jahre): Die Frage sei nicht einfach. „Es kommt auf den Standpunkt an. Als Deutscher nicht. Aber als Torgauer in Torgau. Als Sachse in Deutschland und im Ausland als Europäer.“ 
  • Zwei ehemalige jugoslawische Geflüchtete erzählen, sie lebten seit 20 Jahren in Deutschland . Seit einiger Zeit in Torgau, fühlten sich aber nicht angekommen. „Wir haben uns das nicht ausgesucht. Egal, was wir machen. Die Leute sagen, wir wollen euch hier nicht.“ 
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