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Der Zug Richtung Dresden-Neustadt weckt den „Ossi“ in mir

Verfasst von Mario Futh.

Ob gewollt oder nicht, ständig wird man mit dem Ost-West-Thema konfrontiert, dabei sollten wir doch nach so langer Zeit zusammengewachsen sein, oder nicht? So auch bei dieser ICE-Fahrt. Bei der eine Gruppe älterer  und vor allem angetrunkener  Männer die Herkunft eines Mitreisenden herausstellen und durch den ganzen Zug brüllen: Ostdeutschland.

Ich steige in den ICE nach Dresden, betrete Wagen 24 und sehe überall blaue Buchstaben leuchten: RESERVIERT. Die meisten von Leipzig nach Dresden. Mein Blick tastet die Schilder der leeren Sitze ab. Neben einem bulligen Typen – kurz geschorenes Haar, aber rosa T-Shirt –  ist noch ein Platz frei. Ich erkundige mich: „Ist neben Ihnen noch frei?“ Ein kurzes Nicken,   ich setze mich. Kopfhörer sind in seine Ohren gestopft, doch die Musik ist nicht zu hören. Ich freue mich auf eine ruhige Fahrt, bei der ich nebenbei ein Transkript korrigieren kann.  

Dann bricht Chaos aus. Eine zehnköpfige Männerrunde – geschätzt alle um die Anfang 60 – betritt das Abteil. Einige krakeelen, dass Menschen auf ihren Sitzplätzen sitzen würden, andere versichern sich der Richtigkeit des Abteils, andere Zugreisende wollen durch, sowohl in den Wagen als auch in den nächsten. Man versucht Platz zu schaffen, tritt mir auf den linken Fuß, die Entschuldigung bleibt aus. Man deutet mir an, dass ich auf einen der reservierten Plätze sitze, dann wird zurückgerudert. Es sind doch die zehn Sitzplätze vor mir. Glücklicherweise, denke ich kurz und bereue es wenig später.  

Sie sind laut. Sehr laut sogar. Unterhalten den ganzen Zug. Sorgen sogar dafür, dass sich die junge Dame hinter mir, die eigentlich schlief und möglicherweise zu einem Festival reist, ihre Sachen packt und in das nächste Abteil wechselt. Es wird Bier getrunken, und die Leute sind redselig. „Na Bernd, jetzt verlassen wir deine Heimat! Bist doch in Leipzig geboren!“ „Ach du bist nen Ossi! Das wusste ich ja gar nicht!“, schallt es von Gegenüber. Einer der Herren versucht zu beschwichtigten, doch ihm wird sofort über den Mund gefahren: „Was denn?! Ich kann doch wohl Ossi sagen. Ich bin doch auch nen Wessi. Die sagen doch auch Wessi zu mir. Das ist doch nicht bös gemeint.“  

Ich überlege, woher sie wohl kommen mögen. Eigentlich scheint die Rede immer von Österreich und Schweiz zu sein: „Österreich ist so groß wie Baden-Württemberg“. Und ich überlege, ob es merkwürdig sprechende Schwaben sind. Das Rätsel bleibt ungelöst. Dann ergreift ein weiterer Herr, der sich leider meines Blickfeldes entzieht, das Wort: „Weißt du was man früher immer gesagt hat? Der Osten hat die schönsten Frauen und die würden sogar auf Bäume wachsen. Also ich weiß nicht, ob die so schön sind, habe ich dann zu der einen gesagt, bei der wir untergekommen sind. Da hat sie gesagt, dann warte mal ab bis es Nacht wird, da sind alle Katzen grau!“ Gelächter durchschallt den Zug.  

Es ist unerträglich. Da ich nicht arbeiten kann, überlege ich, ob die Ohrenschädigenden 90db überschritten werden. Ich komme zu dem Schluss: Ja. Es folgt eine belanglose Unterhaltung, ob es nicht früher eine gute (Direkt-)Verbindung zwischen Dresden und Stuttgart gab, die doch die zwei Lager spaltet. Ja, nein. Keine Einigung in Sicht, und die Biervorräte schwinden. Man überlegt laut, ob man nachtanken solle. Ein Hefeweizen für nur vier Euro, oder waren es doch nur zwei. Zwei Euro scheint mir utopisch zu sein. Man entschließt sich dagegen, schließlich sei man doch bald in Dresden.  

Ich rolle erst die Augen, als sie wieder mehrmals das Wort „Ossi“ in den Mund nehmen, aber nichts weiter mehr kommt. Weder pro noch contra. Ich blicke mich um und suche Mitstreiter, die wie ich den „Wessis“ den Mund verbieten wollen, wenigstens ihre Lautstärke nach unten regulieren zu können. Doch ich scheitere am fehlenden Mut und an fehlenden Fahrgästen. Mein Sitznachbar informiert sich per Smartphone auf Bild.de, zu meiner Linken sitzt ein junges Pärchen, Anfang 20, mit dem größten Bedürfnis nach Schmusen und Küssen weit und breit. Ich bleibe sitzen und versuche zu meditieren. Nur noch zwei Stationen. Als wir Riesa erreichen, wird der Stationsname laut wiederholt, damit auch ja jeder im Zug verstet, wo wir uns gerade befinden. Die Ansage des Schaffners kann wohl auch niemand hören bei dieser Lautstärke. Dann ein kleiner Hoffnungsschimmer. Dresden Neustadt. Ich darf aussteigen. Welch ein Glück.

 

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