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„Ich bin ein guter Deutscher!“

Fragen nach Identität und Zugehörigkeit begegnen uns bisweilen in Situationen, in denen wir mit ihnen am wenigsten rechnen – zum Beispiel nach einem Kneipenabend. Aufzeichnungen von unserem Projektmitarbeiter Mario Futh.

Es ist kurz vor halb eins, als wir uns von dem als links geltenden Veranstaltungsort Atari in Leipzig auf den Heimweg machen. Wir unterhalten uns lautstark und überqueren die Straße nicht ganz ordnungsgemäß, was offenbar einen anderen Nachtschwärmer anzieht. Ein junger Mann spricht uns an. Mitte, Ende Zwanzig, klein, bullige Statur, Stiernacken. Nennen wir ihn Johannes. 

„Habt ihr mal eine Zigarette?“, lallt es aus seinem Mund. Johannes ist offenbar angetrunken. „Natürlich, aber du musst sie dir selbst drehen.“, sagt eine der Anwesenden und gibt ihm ihr Drehzeug. Er nimmt sich das Blättchen und füllt den Tabak hinein. Seine Hände zittern, seine Rededrang ist ungehemmt.  

„Ich hasse die Ausländer. Ich bin ein guter Deutscher. Ich habe eine deutsche Frau und ich arbeite“, wirft er uns mit dem Filter im Mund entgegen. Sein Akzent hat es etwas aus dem Arabischen und Französischen. „Ich arbeite bei Porsche.“ Der Tabak fällt das erste Mal zu Boden.  

„2013, 2014, weißt du Bruder, hab ich viel Scheiße gemacht auf der Eisenbahnstraße. Aber meine Frau hat gesagt: Warum machst du das?“ Er schwankt leicht und blickt zu einem von uns aus der Gruppe. „Kein Stress Bruder?!“ Er wirkt verunsichert, obwohl es dafür aus unserer Sicht keinen Grund dafür gibt.  

Johannes, sich selbst als links bezeichnend, trägt einen Sidecut auf der einen Seite und auf der anderen schulterlange Haare, die ihm während des Gespräches immer wieder ins Gesicht fallen – eigentlich bei fast jeder Körperbewegung. Während er sie sich mal wieder aus dem Gesicht streicht, sage ich ihm: „Ja, ich arbeite nicht und bin nicht verheiratet. Also ein schlechter Deutscher. Du bist also ein besserer Deutscher als ich!“ 

Die Situation ist etwas absurd. Alle Anwesenden haben etwas getrunken, und es ist nicht ganz klar, wie ernst es das alles gemeint ist. „Ich war bei meiner Familie in Lyon.“, erzählt er weiter. Der Tabak fällt ihm erneut aus den Händen. „Neun Monate war ich dort. Und die haben gesagt, ich mache das nur wegen der Papiere.“ Er wirkt traurig.  

Die fertige Zigarette zaubert ihm ein kurzes Lächeln auf die Lippen. Er erzählt davon, wie hart die Reise gewesen sei und wie schwer es sei anzukommen. Er ringt nach Anerkennung. Er versucht immer wieder zu erklären, warum er nun ein guter Deutscher sei, nichts mehr diesen anderen Ausländern gemein habe, zu denen er auch mal zählte. Er wiederholt sich. Irgendwann wird es mir zu langweilig. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Heimweg.

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