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Projekt PoliLab auf dem DGS-Kongress 2018

Das Projekt PoliLab auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Verfasst von Julia Leser, 17. Oktober 2018

Vom 24. bis 28. September 2018 fand in Göttingen der 39. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie statt. Auf dem größten sozialwissenschaftlichen Kongress Deutschlands war dieses Jahr auch das Leipziger Projekt PoliLab vertreten. Julia Leser und Florian Spissinger sprachen im Panel der Politischen Soziologie über die Rolle von Affekten im Bereich des Populismus und Nationalismus.

Alle zwei Jahre veranstaltet die Deutsche Gesellschaft der Soziologie (DGS) einen Kongress, in dem sich zahlreiche Sozialwissenschaftler/-innen aus ganz Deutschland über ihre theoretischen und methodologischen Perspektiven austauschen. Im September 2018 fand der DGS-Kongress mit dem Themenschwerpunkt „Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen“ an der Universität Göttingen statt. Dabei wurden auch aktuelle Studien vorgestellt, die sich mit dem Aufstieg populistischer Bewegungen in Deutschland und Europa beschäftigen.

Thomas Kern und Benjamin Rampp, die Vorsitzenden der DGS-Sektion „Politische Soziologie“, organisierten ein Panel zum Thema „Populismus und die ‚Krise‘ der Demokratie: Perspektiven der politischen Soziologie“, in dem nach dem Verhältnis von Populismus und Demokratie gefragt wurde. Behindern und gefährden populistische Bewegungen die Demokratie? Oder befördert der Populismus gar demokratische Prozesse? Fünf Vorträge von namhaften Soziolog/-innen setzten sich mit diesen Fragen auseinander.

Holger Lengfeld und seine Mitarbeiterin Clara Dilger (Universität Leipzig) stellten die Ergebnisse ihrer aktuellen Studie vor, die den Gründen nachgeht, warum Angehörige der Mittelschicht die AfD wählen. Dass sich Bürger/-innen mit der AfD identifizieren, so lautete die These, kann nicht überzeugend mit sozioökonomischen Argumenten begründet werden. Das bedeutet, dass sich nicht nur „Modernisierungsverlierer“ aufgrund von Abstiegsängsten mit der AfD identifizieren, sondern vor allem auch Bürger/-innen der Mittelschicht, die wirtschaftlich abgesichert sind. Lengfeld argumentierte, dass die Identifizierung mit der AfD vordergründig mit einer kulturell bedingten Ablehnung von Zuwanderungsprozessen einhergeht.

Das Projekt PoliLab wurde in diesem Panel von Julia Leser, Florian Spissinger und Rebecca Pates vertreten. Unser Vortrag widmete sich dem Thema „Befindlichkeiten des Demos – Zur politischen Funktion von Affekten im Zeichen des Populismus und einer ‚Krise‘ der Demokratie’“. Wir konnten anhand unserer bisherigen Forschungen zeigen, dass im Bereich des Populismus Artikulationen von Affekten genutzt werden, um Grenzen zwischen dem „Wir“ und dem „Anderen“ zu verhandeln und dabei soziale Ordnungen herzustellen bzw. zu stabilisieren. In ihrer Funktionalität werden Affekte als wirksames politisches Instrument erkennbar. Der AfD-Spitzenkandidat Georg Pazderski sagte zum Beispiel in einem RBB-Interview: „Das, was man fühlt, ist auch Realität.“ Jensen (2017) argumentierte in seinem Buch Zornpolitik diesbezüglich, dass in Zeiten, in denen die Objektivität von Fakten zunehmend angezweifelt wird, Emotionen zur Legitimationsquelle werden. Die „Legitimationskrise der Politik“ entpuppe sich laut Jensen als „Krise der politischen Gefühle“ (2017, 25). Im Anschluss an unseren Vortrag konnten wir mit den ca. 150 Teilnehmer/-innen des Panels diskutieren, wie politische Affekte sozialwissenschaftlich erforscht werden können und welche Implikationen für die aktuelle politische Situation in Deutschland bestehen.

Silke van Dyk (Friedrich-Schiller-Universität Jena) beeindruckte uns mit einem theoretischen Beitrag zum Thema „Über den Wandel des Politischen: Die Demokratie im Zangengriff von autoritärem Populismus und autoritärem Kapitalismus“ und erklärte das demokratiegefährdende Potential populistischer Bewegungen. Sie ging ebenfalls auf die Rolle von Affekten in der Politik ein und machte darauf aufmerksam, dass wir fragen müssen, wessen Ängste als berechtigte Ängste artikuliert werden. Wenn populistische Akteure mit politischen Gefühlen argumentieren, dann müssen wir versuchen zu erkennen, welche Gefühlsäußerungen legitim, berechtigt und gerechtfertigt sind und welche nicht. Van Dyk präsentierte dabei das folgende Zitat von Fatima El-Tayeb aus ihrem kürzlich erschienenen Buch Undeutsch (2016): „Bei Rassismus geht es scheinbar immer um etwas anderes: Angst vor der Zukunft, wirtschaftliche Unsicherheit oder sozialistische Altlast.“ In diesem Verständnis ist die Erforschung politischer Affekte zentral, um die Argumentationsmuster von Populist/-innen besser verstehen zu können.

In seinem Vortrag „Das zeitsoziologische Paradox des Populismus“ stellte Ulf Bohmann (TU Chemnitz) überzeugend dar, dass populistische Bewegungen schnelle Entscheidungen und politische Handlungen fordern. Die demokratischen Institutionen Deutschlands zeichnen sich jedoch durch langwierige Prozesse der Deliberation und Legitimation aus – was wiederum die populistischen Ressentiments bediene. Es stellt sich daher die Frage, wie die Politik ihre Entscheidungsprozesse „dem Volk“ vermitteln kann, ohne den Eindruck zu verstärken, dass „die da oben“ letztlich nur unter sich entscheiden und „das Volk“ außen vor gelassen wird.

Zuletzt machte Susann Worschech (Europa-Universität Viadrina) darauf aufmerksam, dass Populismus weithin als Ursache der aktuellen Krise der Demokratie verstanden wird. Die Untersuchung von populistischen Bewegungen in Osteuropa, vor allem in Polen und der Ukraine, zeige jedoch, dass Populismus im Zuge von Demokratisierungsprozessen selbst erst auftritt. In ihrem Vortrag „Populismus als Demokratie-Ersatz: Populistische Politik in Polen und der Ukraine und die Imitation demokratischen Handelns“ wurde die Frage nach dem Verhältnis von Populismus und Demokratiekrise zusammenfassend aufgenommen und in einer internationalen Perspektive dargestellt.

Letztendlich wurde deutlich, dass der Aufstieg (rechts-) populistischer Bewegungen in Deutschland und Europa mit einer Vielzahl an Erklärungsmustern in Zusammenhang gebracht werden kann. Es ist wichtig, dass wir diese vielfältigen Perspektiven in unseren Forschungen beachten und uns miteinander austauschen. Dazu bot der diesjährige DGS-Kongress eine ausgezeichnete Möglichkeit.

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