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Verfasst von Florian Spissinger.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat Anfang des Jahres 2018 eine Studie veröffentlicht, um die Ergebnisse der AfD bei der Bundestagswahl 2017 für unterschiedliche Wahlkreise zu erklären. Die quantitative Untersuchung zeigt, dass Faktoren wie formale Bildung, die Arbeitslosenquote oder der Ausländeranteil nicht entscheidend für den Erfolg der AfD gewesen sind. Vielmehr „schneidet die AfD in weniger verdichteten Regionen mit ungünstiger demografischer Entwicklung vergleichsweise gut ab – ein Phänomen, das in ostdeutschen Wahlkreisen häufiger auftritt als in westdeutschen. Diese Beobachtung lässt die Vermutung zu, dass die demografische Entwicklung in den weniger verdichteten Räumen auch ein Gefühl der Perspektivlosigkeit mit sich bringt, wodurch Vertrauen in etablierte Parteien zu erodieren droht“ (Franz et al. 2018). Bedeutet dieses Ergebnis, dass der rechtspopulistische Wahlerfolg letztlich durch örtliche und räumliche Eigenschaften bestimmt wird? Lässt sich zugespitzt sagen, dass vernachlässigte Orte rechtspopulistische Wählerinnen und Wähler hervorbringen?

Häufig wird das Urteil vom vernachlässigten und deshalb rechtspopulistischen Raum nicht nur über einzelne Orte in Ostdeutschland, sondern auch pauschal über ‚den Osten‘ gefällt. Als Erklärung für den Wahlerfolg der AfD in Ostdeutschland werden dann sozioökonomische Unterschiede zu ‚dem Westen‘ mit der DDR-Vergangenheit kombiniert. Ostdeutschland gilt in dieser Hinsicht als ökonomisch und zivilisatorisch abgehängt. In solchen Vorstellungen wird das politische Handeln unmittelbar von den sozioökonomischen und historischen Eigenschaften des sozialen Raums her bestimmt. Was beispielsweise die DIW-Studie noch in Wahrscheinlichkeiten ausdrückt, wird im öffentlichen Diskurs schnell zur Kausalität. Die damit verbundene Vorstellung, dass Räume in sich geschlossene Einheiten wären, wird raumwissenschaftlich als Containerisierung bezeichnet. Dabei verschwindet der Blick für die Heterogenität innerhalb von Räumen, für die fortwährenden Veränderungen und für die komplizierten Verflechtungen mit anderen Einflüssen.

Dass Räume gestaltbare Kontexte und keine Container mit festen Eigenschaften sind, zeigen gerade solche Studien, die ganz ausdrücklich räumlich verortet sind. So spricht beispielsweise der Politikwissenschaftler Justin Gest (2016) in seiner vergleichenden Forschung zur White Working Class in East London und Youngstown (Ohio) explizit von post-traumatischen Orten. Seine ethnografische Studie zeigt, dass die beiden von Deindustrialisierungsprozessen geprägten Orte nicht einfach nur politische Abwehr gegenüber Migration hervorbringen. Zum einen sind die politischen Reaktionen innerhalb der White Working Class vielgestaltig – vom politischen Rückzug bis zur Rebellion. Zum anderen geht die White Working Class in East London anders mit ihrem Gefühl der Marginalisierung um als die Weißen Arbeiter in Youngstown – dabei spielt beispielsweise das Versprechen des American Dream eine wichtige Rolle.

Vor diesem Hintergrund wird zwar ein direktes Verhältnis zwischen lokaler Ökonomie und politischem Handeln in Frage gestellt, doch es ließe sich weiterhin annehmen, dass die Lokalgeschichte eine gute Erklärung für den rechtspopulistischen Aufstieg verspricht. So dient der Verweis auf die DDR nicht selten als Erklärung für den Erfolg der AfD: Wer im ‚rückständigen Osten‘ aufgewachsen ist, wisse noch nicht so richtig wie Demokratie funktioniert und neige daher zum Rechtspopulismus. Der Sozialanthropologe Felix Ringel (2018) hat zur Frage der Zeitlichkeit geforscht. Dafür war er mehr als ein Jahr an einem Ort, der mit Justin Gest als post-traumatisch und in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als „Osten des Ostens“ betrachtet wird (Ringel 2016). Die ehemals zweite sozialistische Modellstadt Hoyerswerda wird seit 1991 mit rassistischer Gewalt assoziiert und seit dem Ende der DDR ist sie mit De-Industrialisierung, hoher Arbeitslosigkeit sowie demographischen Problemen konfrontiert. Das sächsische Hoyerswerda galt 2009 als die am schnellsten schrumpfende Stadt Deutschlands. Kurz: Hoyerswerda scheint ziemlich genau dem Bild eines perspektivlosen Ortes zu entsprechen, das die DIW-Studie bei ihrer Erklärung vom AfD-Wahlerfolg zeichnet. Felix Ringel zeigt in seiner ethnografischen Studie, dass Hoyerswerda jedoch weder bloße Zukunftslosigkeit produziert noch unmittelbar aus der DDR-Vergangenheit zu verstehen ist. Er macht deutlich, dass das gegenwärtige Handeln nicht einfach aus der Historie resultiert, sondern vielmehr mit den Vorstellungen über die nahe Zukunft zusammenhängt. Deshalb spricht Ringel auch von Zukunftsbewältigung. Eine solche Perspektive bestimmt das politische Handeln nicht von der Vergangenheit her, sondern gesteht den Menschen zu, dass sie ihre zukünftige Gegenwart gestalten können.

Erklärungen, die Rechtspopulismus einfach im Container eines ‚post-traumatischen Ostens‘ verorten, entlasten davor, genauer hinzuschauen und laufen dabei Gefahr, sowohl den deutschlandweiten als auch den transnationalen Aufstieg rechtspopulistischer Politik zu vernachlässigen. Demgegenüber liefert uns die Kritik an zu einfachen, kausalen Erklärungen Gründe für eine dichte Beschreibung und genaue Analyse der komplexen Gegenwart.

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