Lädt

Eingeben um zu suchen

Im September 2018 fand in Halle der Ideenkongress zur Kultur, Alltag und Politik auf dem Land statt. Initiiert wurde die dreitägige Veranstaltung von der Kulturstiftung des Bundes und dem Programm TRAFO, das sich der mit der Transformation von Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen auseinandersetzt. In unserem Forschungsprojekt PoliLab ist der ländliche Raum ebenfalls von Interesse, weshalb wir uns auf diesem Kongress einmal genauer umschauten – und einige Entdeckungen machten.

„Das Land war und ist das Land der Traditionen“, erklärt Alexander Klose während der Eröffnungsveranstaltung des Ideenkongresses zum ländlichen Raum: Auf dem Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nichtwissen hat man als Kongressbesucher/-in die Möglichkeit, mit einem von 168 Expert/-innen über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Solch ein Expert/-innengespräch ist für einen Euro buchbar und dauert dreißig Minuten. Während dieser Gespräche, die an beleuchteten Tischen im großen Theatersaal stattfinden, hat der Rest des Publikums die Möglichkeit, sich über einen Empfänger mit Kopfhörern in die einzelnen Gespräche einzuschalten und zuzuhören. Das klingt zunächst kompliziert, macht jedoch unglaublich viel Spaß. Ich setze mich mit meinem Empfänger an die Seite und schalte mich durch die einzelnen Kanäle. Jonas Döring spricht über die Rückkehr der Wölfe, Sarah Khan über das Wochenendhaus auf dem Land, Benjamin Piehl über lokalen Journalismus, Alexander Klose über logistische Landschaften, Julian Nyça über die sorbische Sprache und Kevin Rittberger über die Frage, warum die extreme Rechte bevorzugt in Gutshäusern in der ostdeutschen Provinz ihre Heimat sucht – Bilder des ländlichen Raums werden hier in zahlreichen Facetten gezeichnet. Alle Expert/-innengespräche wurden übrigens aufgezeichnet und sind hier nachhörbar.

Der ländliche Raum Deutschlands hat Probleme – das wissen wir –, aber auch Perspektiven. Das Land als großes Unbekanntes dient zudem als Projektionsfläche für Utopien (von Freiheit und Autonomie), für Vorurteile und Stereotypen (Landpomeranzen & hill people), für Narrative und Fiktionen (vom „einfachen Leben“). Der ländliche Raum ist Sehnsuchts- und Fluchtort zugleich. Tendenziell ziehen immer mehr Menschen in die Stadt; der ländliche Raum hingegen dünnt aus und macht deshalb auch mehr Platz für z. B. Wölfe in Ostsachsen. Dörfer sind „kleine Systeme“, erklärt der Bielefelder Soziologe Dirk Becker und fragt, bis zu welchem Punkt sie belastbar sind, welchen Grad an Varianz sie erlauben, was akzeptierbar ist und was stören würde. Ich frage mich in Bezug zu unserem Forschungsprojekt, wie dörfliche Gemeinschaften in der ländlichen Provinz mit dem Zuzug neuer Menschen umgehen. Sind dörfliche Gemeinschaften als „kleine Systeme“ exklusiver als Städte? Wie werden Fremde im ländlichen Raum an- und aufgenommen?

Am letzten Kongresstag werden schließlich die „großen“ politischen Fragen diskutiert. In vielen der Vorträge fällt das Schlagwort „Rechtspopulismus“. Neigen die Bewohner/-innen ländlicher Regionen eher dazu, rechtspopulistische Parteien zu wählen? Warum inszeniert sich gerade die AfD als „Kümmerpartei“ für den ländlichen Raum? Eine interessante Perspektive auf diese Phänomene eröffnet der Politikwissenschaftler Felix Rösel vom ifo-Institut Dresden. Er thematisiert die Gebietsreformen, die insbesondere in Ostdeutschland seit den 1990er Jahren dazu führten, dass sich die Gemeinden zunehmend vergrößerten. „In Ostdeutschland haben wir 5.000 Gemeinden weniger als noch im Jahr 1990“, erklärt Rösel. Mit diesen Reformen sollte die Wirtschaftlichkeit der Gemeinden verbessert werden. In seiner Untersuchung stellte Rösel allerdings fest, dass es keine wissenschaftlich abgesicherten Belege für die Effektivität der durchgeführten Gebietsreformen gebe. Die Größe einer Gemeinde, erklärt er, sei nicht entscheidend für ihre Wirtschaftlichkeit. Ganz im Gegenteil haben die Reformen eher dazu geführt, dass regionale „Unwuchten“ verstärkt werden und sich die Wirtschaftlichkeit von der Peripherie in die „ferne Stadt“ verschiebe. Das größte Problem liegt laut Rösel darin, dass „die Verankerung der Demokratie leidet“. Denn die Wurzeln unserer Demokratie liegen in den Kommunen. Aufgrund der Gebietsreformen existieren heute jedoch weniger ehrenamtliche Kommunalpolitiker in den Gemeinden. Dies hat durchaus politische Folgen: Das Vertrauen und die Zufriedenheit der Bürger/-innen sinke, die Wahlbeteiligung nehme ab und die Populisten würden von diesen Entwicklungen letztendlich profitieren. „Das Problem“, sagt Rösel, „ist der Kontaktverlust zwischen Bürger und politischen Vertretern auf der untersten Ebene: der Kommune“. Haben wir also ein Demokratieproblem im ländlichen Raum? Oder anders gefragt: Haben die Gebietsreformen dazu geführt, dass die Demokratie auf kommunaler Ebene nicht mehr erfahrbar ist?

„Das Land war und ist das Land der Traditionen“ – es ist aber auch das Land ständiger Wandlungsprozesse und heterogener Entwicklungen. Es lohnt sich, diesen sagenumwobenen ländlichen Raum weiterhin im Auge zu behalten.

Tags:

Kommentieren

Your email address will not be published. Required fields are marked *