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Wenn man sich in Deutschland mit nationalen Minderheiten beschäftigt, stellt man schnell zwei Dinge fest: Der Begriff der „nationalen Minderheit“ ist nicht klar definiert und daneben existieren weitere, teilweise synonym verwendete Begriffe wie Volksgruppe, Volk und Sprachminderheit. Ein Beitrag von Jamela Homeyer.

Die deutsche Bundesregierung erkennt als nationale Minderheit jene „Gruppen der Bevölkerung an, die folgenden fünf Kriterien entsprechen:

    • ihre Angehörigen sind deutsche Staatsangehörige,
  • sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache, Kultur und

Geschichte, also eigene Identität,

    • sie wollen diese Identität bewahren,
    • sie sind traditionell in Deutschland heimisch,
  • sie leben hier in angestammten Siedlungsgebieten“ (Zweiter Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 25 Abs. 2 des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten, 2004, S.5).

Damit werden die dänische Minderheit, die Friesen, die Roma und Sinti und die Sorben als nationalen Minderheiten anerkannt. Die Minderheiten haben aber teilweise davon abweichende Selbstbezeichnungen. So nennen sich die Friesen „friesische Volksgruppe“ und die Sorben „sorbisches Volk“. Diese Selbstbezeichnungen sind Ausdruck eines Selbstverständnisses dieser Gruppen: Die Friesen verstehen sich als Deutsche mit einer anderen Sprache, Kultur und Geschichte (Dritter Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 25 Abs. 2 des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten, 2009, S.38), wohingegen die Sorben sich als slawisches Volk mit deutscher Staatsangehörigkeit verstehen (APUZ 11-12/2017, S.19). Der Zentralrat der Sinti und Roma bestätigt die Bezeichnung als nationale Minderheit, sieht sich aber zugleich als Teil des deutschen Volkes (Dritter Bericht, 2009, S.40).

Unabhängig von ihrer Selbstbezeichnung haben die anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland Anspruch auf Schutz und Förderungen. Verschiedene Gesetze, Verfassungen und Übereinkommen enthalten Minderheitenrechte, die eine freie Ausübung und Pflege ihrer Kultur, Sprache und Religion gewährleisten sollen.

So ist es jeder Person selbst überlassen zu entscheiden, ob sie einer nationalen Minderheit angehört oder nicht (Bekenntnisfreiheit). Des Weiteren regelt z.B. die Landesverfassung von Schleswig-Holstein, dass „die kulturelle Eigenständigkeit und die politische Mitwirkung nationaler Minderheiten und Volksgruppen“ unter „dem Schutz des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände“ (Art. 6 Abs.2) stehen.

In Sachsen wird den Sorben in der Landesverfassung das „Recht auf Bewahrung ihrer Identität sowie auf Pflege und Entwicklung ihrer angestammten Sprache, Kultur und Überlieferung“ (Art. 6. Abs.1) garantiert. Außerdem werden die Sorben als „gleichberechtigter Teil des Staatsvolkes“ (Art.6 Abs.1) anerkannt.

Die dänische Minderheit lebt im nördlichen Schleswig-Holstein, nahe der Grenze zu Dänemark. Es zählen sich um die 50 000 Personen zur dänischen Minderheit, von denen die meisten zweisprachig aufgewachsen sind und damit neben Deutsch auch Dänisch sprechen oder zumindest Dänisch verstehen können. Die dänische Sprache wird insbesondere im privaten Bereich benutzt; durch die privaten dänischen Kindergärten und Schulen in Schleswig-Holstein wird die Sprachfähigkeit zusätzlich gefördert (APUZ 11-12/2017, S.17). Politisch ist die dänische Minderheit durch den Südschleswigschen Wählerverband (SSW) vertreten, der im Landeswahlgesetz von der Fünfprozenthürde befreit ist und auf kommunaler sowie auf Landesebene bei Wahlen antritt.

[] wer ist eigentlich dänische Minderheit? Das ist halt das Bekenntnis zu der dänischen Minderheit. [] Also mein Hintergrund ist der, dass meine Eltern [] keinen Kindergartenplatz gefunden haben. Und die dänische Minderheit dann sagte, ‚Es gibt so eine Vorschule’ – Vorschule gab es damals, letzte Klasse vor der Schule im Kindergarten – und die müssen einen aufnehmen. [] meiner Mutter hat das so gut gefallen, wie die mit den Kindern umgehen, wie das aufgebaut ist, dass viel gesungen wird, die Identität im Endeffekt. Dann hat sie gesagt: ‚Dann geht er halt auch zu der dänischen Schule’. Und dann habe ich irgendwann zwischen der ersten und vierten Klasse aus versehen Dänisch gelernt, ohne dass mir das so bewusst ist. Und bin dann hier aufgewachsen in der dänischen Minderheit und bezeichne mich heute natürlich ganz klar als Teil davon“ (Angehöriger der dänischen Minderheit, Interview durchgeführt für das Projekt „PoliLab“ 2018).

Die friesische Volksgruppe lebt in Nord- und Ostfriesland, im Saterland sowie in Westfriesland (Niederlande). Die friesische Sprache lässt sich dementsprechend auch in drei Sprachzweige einteilen; in das West-, Ost-, und Nordfriesische (Dritter Bericht, 2009, S.37). In einigen öffentlichen Schulen und Kindergärten wird Friesisch als Unterrichtsfach angeboten, es gibt aber keine rein friesisch-sprachigen Schulen wie es sie für die dänische Minderheit gibt. Der SSW vertritt neben der dänischen Minderheit auch die Interessen der friesischen Volksgruppe.

Zu den deutschen Sinti und Roma zählen sich bundesweit ca. 70 000 Personen; davon zu unterscheiden sind Roma ausländischer Staatsangehörigkeit. Sinti leben schon seit dem 14. und 15. Jahrhundert auf deutschsprachigem Gebiet. Roma sind später in Deutschland ansässig geworden (Dritter Bericht, 2009, S.38). Die Sprache der Sinti und Roma, das Romanes, umfasst mehrere Sprachen und Dialekte. Insgesamt zeichnen sich die Sinti und Roma in Deutschland durch eine große Vielfalt aus, die sich auch in unterschiedlichen Traditionen und Werten widerspiegelt (APUZ 11-12/2017, S. 21). Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung haben dazu geführt, dass die Sinti und Roma im gesamten Bundesgebiet zerstreut leben. Und auch heute noch sind deutsche Sinti und Roma vielfach von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen.

„Ja, man muss dazu sagen, man hat zwei Herzen in einer Brust. In erster Linie bin ich ein Sinto. Natürlich bin ich auch Deutscher. Bloß es kommt immer auf die Situation an. Wenn es um Familie geht, dann ist man Sinto. Geht es um die Politik, muss man ein bisschen mehr deutsch sein, um das zu verstehen, um sich aber auch durchzusetzen“ (Sinto, Interview durchgeführt für das Projekt „PoliLab“ 2018).

Das sorbische Volk zählt ungefähr 60 000 Personen, die vorwiegend in der Lausitz – in den Bundesländern Sachsen und Brandenburg – leben. Die westslawische Sprache Sorbisch ist immer noch ein wichtiger Identifikationspunkt der Sorben und wird im Alltag vor allem im privaten Bereich benutzt. Neben der Sprache pflegen die Sorben ihr kulturelles Erbe: traditionelle Musik, Trachten und Brauchtum (APUZ 11-12/2017, S. 20). In der Lausitz gibt teilweise eine bilinguale Schulbildung, sorbisch-sprachige Kindergärten und Sorbischunterricht an öffentlichen Schulen.

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