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Martin Lorenzen ist Geschäftsführer des Südschleswigen Wählerverbandes (SSW) aus Flensburg. Philipp Bohk ist Abgeordneter des SSW in der Flensburger Ratsversammlung. 

 

PL: Wie wird man Teil der dänischen Minderheit? 

Philipp: Ganz einfach: Durch die Bekenntnis zur dänischen Minderheit. Meine Eltern sind nach der Wende arbeitsbedingt aus Rostock gekommen und haben für mich keinen Kindergartenplatz gefunden. In der „Vorschule“ der dänischen Minderheit war noch ein Platz frei. Drei Tage später bin ich dort hingegangen. Und weil meiner Mutter das so gut gefallen hat, wie dort mit den Kindern umgehen wurde, hat sie gesagt: „Dann geht er auch auf die dänische Schule“. Irgendwann habe ich dann quasi aus Versehen Dänisch gelernt. Ich bin aufgewachsen in der dänischen Minderheit und bezeichne mich heute natürlich als Teil davon. Ganz klar. 

PL: War das für deine Eltern ein Problem, dass sie kein Dänisch konnten? 

Philipp: Als sie mich in einem dänischen Kindergarten angemeldet hat, wurde gesagt: „Dir muss bewusst sein, Elternabende sind auf Dänisch, normale Gespräche sind auf Dänisch, der Unterricht ist auf Dänisch.“ Und dann war ihr dann ganz klar: „Okay, dann muss ich auch Dänisch lernen“. Sie hat Abendkurse besucht, um die Sprache zu lernen. Mittlerweile bringen wir das natürlich mit nach Hause. Mein Bruder ist mit einer Dänin verheiratet, sein Sohn wächst in Dänemark auf. Da kommt natürlich viel Kultur dann auch wieder zurück. 

Martin: Das Bekenntnis zur dänischen Minderheit ist frei, das ist in der Bonn-Kopenhagener Erklärung geregelt. Aber natürlich erwarten wir, wenn du dich anschließt und nicht unbedingt dänische Vorfahren hast, dass du dich voll da rein hängst – also dass man Dänisch lernt und auch gerne ein Teil dieser Kultur dann sein möchte. Wobei man auch dazu sagen muss, dass hier im Grenzland ja nie ein Däne ist wie in Dänemark. Du hast im Grenzland immer das Deutsch-Dänische. Wenn die sogenannten „Reichsdänen“ aus Dänemark hierher kommen, dann sind die immer etwas verwirrt, weil wir reden ja mit einem deutschen Zungenschlag und haben doch eine ein bisschen andere Kultur. 

PL: Wenn ein „Reichsdäne“ auf die deutsche Seite zieht, ist er dann automatisch Teil der dänischen Minderheit? 

Martin: Nein, nicht unbedingt, das kommt auf das Bewusstsein an. Solange sie 25 oder 30 sind und noch keine Kinder haben, haben sie nicht so den Drang vielleicht. Dann finden sie uns seher ein bisschen komisch, weil wir ja doch ein bisschen deutsch angehaucht sind. Aber sobald sie Kinder kriegen, ändert sich das. Dann sagen sie: „Oh, es gibt ja einen dänischen Kindergarten hier. Nichts wie hin!“ 

PL: Gibt es auch Dänen, die die dänische Minderheit nicht ernst nehmen, die sagen, „ihr seid doch gar keine richtigen Dänen“ oder so etwas in der Art?  

Philipp: Ich arbeite in Dänemark, ich habe in Dänemark studiert. Ich habe da nie irgendwie etwas Negatives gehört, im Gegenteil, die Leute freuen sich immer „Oh, du sprichst Dänisch?“ Und von anderen kam vielleicht ein: „Oh, du hast ein bisschen einen interessanten Akzent, wo kommst du denn her?“ Also immer breite Zustimmung und Freude und Akzeptanz. Ich bin niemals beschimpft oder ausgelacht worden oder etwas in der Richtung. 

PL: Und wie sieht es auf deutscher Seite aus? Gibt es da noch Vorbehalte gegenüber der dänischen Minderheit? 

Martin: Es gibt diese schöne Geschichte: In den Dörfern nach dem Krieg hießen die dänischen Schulen immer „die Dänenschulen“, abwertend also. Das war etwas ganz schlimmes. Später hieß es dann „die dänische Schule im Dorf“, dass war dann schon ein bisschen netter. Und heute sagt man ja „unsere dänische Schule“, also eine klare Identifikation. Wenn in einem kleinen Dorf eine dänische Schule geschlossen werden muss, dann sagt die Gemeindevertretung mittlerweile „Ihr zerstört etwas in unserem Dorf, wenn die dänische Schule weggeht“. Und das ist natürlich eine bemerkenswerte Entwicklung. Klar gibt es immer auch noch Ressentiments, dass darf man jetzt auch nicht unterschätzen. Aber die meisten sehen es positiv. Trotzdem muss man immer irgendwo in einer Balance bleiben. Wir hatten ja hier in Flensburg einen dänisch gesinnten Oberbürgermeister. Und da haben wir schon ab und an mal gehört: „Jetzt ist aber ein bisschen zu viel mit den Dänen. Jetzt sind die in der Regierung, jetzt ist aber mal gut“.  

Martin: Die Älteren haben noch dieses Bild vom deutsch-dänischen Gegensatz im Kopf. Vor allem bei jungen Leuten ist das eher kein Problem mehr. 

PL: Wir haben auch mit anderen nationalen Minderheiten Interviews geführt. Bei vielen gibt es eine recht große Angst, das kulturell Eigene an die Mehrheitsgesellschaft zu verlieren. Kennt ihr diese Angst auch? 

Martin: Ja klar. Wir haben erst am Montag darüber diskutiert. Also die Angst hat vor allem mit der Sprache zu tun: Wir genug Dänisch gesprochen? Falls ja, wo ist die Grenze? Natürlich ist es meist einfacher ins Deutsche zu wechseln. Andererseits: Ein Kollege – er ist schon fast 65 – erzählte neulich von seiner ersten Podiumsdiskussion. Das Thema: Ist die dänische Sprache und Identität in Gefahr? Das war 1971. Diese Sprachendiskussion, diese Sprachenidentifikationsdiskussion gibt es also schon immer. Ich denke, es ist eine Frage der Balance: einerseits offen zu sein, damit du auch integriert bist in der Mehrheitsgesellschaft, und andererseits dann doch noch an gewissen Werten festhalten. 

PL: Wenn ihr in die Zukunft schaut: Wie geht es weiter mit der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein? 

Philipp: Ich denke, es gibt ganz große Chancen. Gerade weil unsere Welt bunter und offener wird, es wird einfacher von A nach B zu kommen, es wird einfach in andere Länder zu kommen hoffentlich, wenn das Modell Europa dann weiterhin funktioniert. Wir haben meiner Meinung nach auch eine gewisse Vorbildfunktion in diesem Land. Wenn du Tag für Tag mit unterschiedlichen Kulturen zu tun hast wie hier in der Grenzregion, dann bist du offener, dann gehst du anders auf die Welt zu. Und ich hoffe, dass wir das so weiter leben können. 

Martin: Das war ja ein schöner Schlusspunkt. Ich sehe es auch so, Chancen gibt es natürlich viele. Aber klar gibt es auch Herausforderungen für die dänische Minderheit. Du musst natürlich irgendwo einen Kern Dänisch bewahren. Denn du hast irgendwo deine Wurzeln, und das ist für mich das Dänische. Das zu bewahren in dieser etwas verwirrten, globalisierten Welt, darin besteht die Herausforderung. Gleichzeitig gibt es Trends in Europa, die in eine ganz andere Richtung gehen und die kein Platz lassen wollen für kulturelle Vielfalt. Aber ich hoffe auch, dass es es hier im Grenzland weiterhin dieses gute deutsch-dänische Zusammenleben gibt und dass dann jeder aus seinem Selbstbewusstsein zur Gemeinschaft beitragen kann. 

PL: Vielen Dank für das Gespräch. 

 Die Fragen stellte Philipp Lemmerich.

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